Luis und Luzi, Ander-Mander, Vroni, Mortadella | Höhepunkte der landesüblichen Südtiroler Fasnacht

Eine Reportage von Anton Adler (Februar 2008)

Gestern hat’s in Südtirol wieder gehörig gekracht: die landesüblichen Fasnachtsbräuche haben ihren Höhepunkt erreicht. In allen Landesteilen gingen teilweise bizarr maskierte Faschingsgruppen, die in Südtirol weltbekannten Ander-Mander, auf die Straßen und Plätze und sorgten dort für lustiges – wiewohl sehr geordnetes! – Treiben.

Zu Fasching darf man bekannter Weise all das, was man unterm Jahr gerne tun möchte, aber nicht darf oder sich nicht traut. Und so ist der Höhepunkt des autonomen Südtiroler Landesfaschings auch eine gern ergriffene Gelegenheit, in die Bütt zu steigen und Würzig-Kabarettistisches von sich zu geben. In vielen Städten, Dörfern, Fraktionen, Weilern und feuerwehrbehallten Häusergruppen laufen die örtlichen Kabarett-Größen zu Hochform auf und reden von der Freiheit, den dahinfliegenden Adlern, über Zivilcourage, das Vaterland/die Muttermilch, Integration und Extegration von Einheimischen und über die Notwendigkeit und den pazifikgrabentiefen Sinn patriotischen Verhaltens in Zeiten kernalpiner Banalitätsausweitung. Alles Themen, die während des Jahres erfahrungsgemäß zu kurz kommen und die im Fasching in anlassgerechter Überhöhung gar mancher Sau auf die Dorfstraße helfen.


Die Südtiroler Landes-Ehren-Faschingsmarketenderin Vroni I im traditionellen Büßergewand im Kreise landesüblicher Trachtenpuppen

Die Höhepunkte des Südtiroler Faschings finden in der weltberühmten Kurstadt Meran und in der Sandwirts-Arena im Passeiertal statt. In der Passerstadt wird einer der größten landesüblichen Faschingsumzüge organisiert und dort steigt der Faschingshauptmann bis zur Unkenntlichkeit als landesübliche Mortadella mit überschrittenem Ablaufdatum verkleidet in die bronz’ne Bütt, während in der Sandwirtsarena das Rederecht immer öfter den Südtiroler Frauen eingeräumt wird, die im Alltagsleben als dienstfertige Marketenderinnen geschätzt werden.

Mit durchschlagendem Erfolg. Denn die Südtiroler Landes-Ehren-Faschingsmarketenderin Vroni die I. hat – als landesübliche Büßerin verkleidet – nicht nur ein bisher nie da gewesenes Niveau an Situationskomik aus ihrem Text geprügelt. Innovativem zugetan, hat sich die ehemalige und als solche tragisch verunglückte Obernärrin der Südtiroler Narrenversammlung heuer für den Faschingsvortrag sogar einen extrem ulkigen Sprachduktus zurecht gelegt und betonte die Endungen ihrer lustigen Worte dermaßen gekonnt, bedeutungsschwer und peterlinisch, dass dem einen oder anderen der angetretenen landesüblichen Faschingsgäste ein ungewollter Schnellschuss – in der Fachsprache als praehox skuzensis bekannt – in die Hose ging, was auf Grund der lederner Beschaffenheit allerdings ohne offenkundige Folgen blieb und dem durchaus gewollten Effekt lederner Standfestigkeit nur zuträglich ist.

Bei der Faschingsstehung in Meran gelang dem Faschingshauptmann ein ulkiger und in dieser Konsequenz völlig neuer sinnschwerer Bogen vom Begründer der landesüblichen Faschingstradition Andreas Hofer, über Mutter Theresa bis hin zu Luis und Luzi Lintner, die sich – so Mortadella I. – allesamt durch Zivilcourage, Mut, Entschlossenheit und kritischen Geist den Weg in den landesüblichen Südtiroler Fasching geschlagen hätten. Der Fasching macht’s möglich und verhilft Eigenschaften, die außerhalb der närrischen Zeit auszumerzenden Minderheiten zugeschrieben werden zu prominenter Bühnenpräsenz.


Schau mir in die Augen, Großer! Landeshauptmann Luis Durnberger gewann beim heurigen Fastnachtstreiben den rhetorischen Dreisprung-Bewerb

Bei allen landesüblichen Südtiroler Faschingsstehungen fiebern die geordnet Herumstehenden dem alten Brauch des Synchronpfnatschens entgegen, dessen Ursprünge auch von versierten Volkskundlern nicht eindeutig erforscht werden konnten. Vor allem der Umstand, dass sich die als „Decharge“ bekannte Gemeinschaftsübung in die Höhe richtet, sorgt für Kopfzerbrechen, da dort erfahrungsgemäß nur mit überschaubarer Feindesdichte gerechnet werden muss. Was Faschingsexperten aus dem In- und Ausland immer wieder besticht, ist der penibel geordnete Ablauf der landesüblichen Südtiroler Faschingsveranstaltungen, der nicht einmal beim traditionell folgenden Besäufnis vom jahrhundertealten Drehbuch abweicht und dem Südtiroler Fastnachtstreiben in Ethnologenkreisen zum Begriff des „Haiku-Faschings“ verholfen hat.

Auch heuer bestätigte sich im Südtiroler Fasching eine alte Weisheit, die besagt, dass das bunte Treiben einen tiefen Einblick in die Volksseele erlaubt. Was den oberflächlichen Betrachter der Volksseele erschreckt, kann bei genauerer Analyse und bei gebotener Berücksichtigung der Mobilisierungszahlen glücklicher Weise massiv relativiert werden, zumal offenkundiger Weise in erster Linie der therapiebedürftige Teil der Südtiroler Volksseele dem landesüblichen Fasching in besonderer Weise zugetan ist.

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