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Berühmte Antworten berühmter Dichter | Erich Kästner und „das Positive“


Erich Kästner

Und wo bleibt das Positive, Herr Kästner?

Und immer wieder schickt ihr mir Briefe,
in denen ihr, dick unterstrichen, schreibt:
»Herr Kästner, wo bleibt das Positive?«
Ja, weiß der Teufel, wo das bleibt.

Noch immer räumt ihr dem Guten und Schönen
den leeren Platz überm Sofa ein.
Ihr wollt euch noch immer nicht dran gewöhnen,
gescheit und trotzdem tapfer zu sein.

Ihr braucht schon wieder mal Vaseline,
mit der ihr das trockene Brot beschmiert.
Ihr sagt schon wieder, mit gläubiger Miene:
»Der siebente Himmel wird frisch tapeziert!«

Ihr streut euch Zucker über die Schmerzen
und denkt, unter Zucker verschwänden sie.
Ihr baut schon wieder Balkons vor die Herzen
und nehmt die strampelnde Seele aufs Knie.

Die Spezies Mensch ging aus dem Leime
und mit ihr Haus und Staat und Welt.
Ihr wünscht, daß ich’s hübsch zusammenreime,
und denkt, daß es dann zusammenhält?

Ich will nicht schwindeln. Ich werde nicht schwindeln.
Die Zeit ist schwarz, ich mach euch nichts weis.
Es gibt genug Lieferanten von Windeln.
Und manche liefern zum Selbstkostenpreis.

Habt Sonne in sämtlichen Körperteilen
und wickelt die Sorgen in Seidenpapier!
Doch tut es rasch. Ihr müßt euch beeilen.
Sonst werden die Sorgen größer als ihr.

Die Zeit liegt im Sterben. Bald wird sie begraben.
Im Osten zimmern sie schon den Sarg.
Ihr möchtet gern euren Spaß dran haben .. .?
Ein Friedhof ist kein Lunapark.

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Erich Kästner: Die Entwicklung der Menschheit

Einst haben die Kerls auf den Bäumen gehockt,
behaart und mit böser Visage.
Dann hat man sie aus dem Urwald gelockt
und die Welt asphaltiert und aufgestockt,
bis zur dreißigsten Etage.

Da saßen sie nun, den Flöhen entflohn,
in zentralgeheizten Räumen.
Da sitzen sie nun am Telefon.
Und es herrscht noch genau derselbe Ton
wie seinerzeit auf den Bäumen.

Sie hören weit. Sie sehen fern.
Sie sind mit dem Weltall in Fühlung.
Sie putzen die Zähne. Sie atmen modern.
Die Erde ist ein gebildeter Stern
mit sehr viel Wasserspülung.

Sie schießen die Briefschaften durch ein Rohr.
Sie jagen und züchten Mikroben.
Sie versehn die Natur mit allem Komfort.
Sie fliegen steil in den Himmel empor
und bleiben zwei Wochen oben.

Was ihre Verdauung übrigläßt,
das verarbeiten sie zu Watte.
Sie spalten Atome. Sie heilen Inzest.
Und sie stellen durch Stiluntersuchungen fest,
daß Cäsar Plattfüße hatte.

So haben sie mit dem Kopf und dem Mund
Den Fortschritt der Menschheit geschaffen.
Doch davon mal abgesehen und
bei Lichte betrachtet sind sie im Grund
noch immer die alten Affen.

Erich Kästner (1899-1974)

Wissenswertes zur Zeitschrift „Die Weltbühne“ | Tucholskys Zeit, Tucholskys Welt

Titelseite Weltbühne 2.12.1930

„Die Weltbühne“, 1905 als „Schaubühne“ von Siegfried Jacobsohn in Berlin gegründet, im April 1918 in „Die Weltbühne“ umbenannt, war ursprünglich als Theaterzeitschrift konzipiert und öffnete sich 1913 mit den ersten Artikeln des Jura-Studenten Kurt Tucholsky der Politik.

Titelseite Die Schaubühne 7.9.1905

1918 bis 1926 trat „Die Weltbühne“ für Revolution und Republik ein, um sich von 1926 bis 1933 engagiert und mutig gegen den Faschismus zu stellen. Unter den Autoren befanden sich klingende Namen der Literatur und der darstellenden Künste. So schrieben, illustrierten und gestalteten neben dem großen und stark präsenten und unter vielen Pseudonymen schreibenden Tucholsky, Ernst Bloch, Erich Dombrowski, Lion Feuchtwanger, Siegfried Jacobsohn, Erich Kästner, Klabund, Gustav Landauer, Else Laske Schüler, Erich Mühsam, Carl von Ossietzky, Alfred Polgar, Robert Walser und Arnold Zweig, um nur einige der Autoren zu nennen, die 1929 in einem Eigeninserat der „Weltbühne“ aufgelistet wurden.

Die Weltbühne - Mitarbeiter 1929

Die letzte in Deutschland gedruckte Ausgabe der Weltbühne erschien vor dem Verbot durch die Nazis und zwei Wochen nach dem Reichtagsbrand am 7. März 1933 und endete mit der trotzigen Versicherung: „Denn der Geist setzt sich doch durch“.

Unter großen Mühen entstand in Wien unter dem Einfluss des in die Schweiz emigrierten Siegfried Jacobsohn in der Folge „Die Wiener Weltbühne“ (später „Die neue Weltbühne“), die ihren Redaktionssitz nach dem „Anschluß“ Österreichs nach Prag verlegen musste. Die kriegerischen Ereignisse machte dem Blatt dann ein vorläufiges Ende.

1946 wurde die „Weltbühne“ in Ostberlin von Maud von Ossietzky wieder gegründet, wurde später in der DDR zum Parteiblatt und wurde nach dem Fall der Berliner Mauer 1993 eingestellt, auch weil die Nachfahren von Siegfried Jacobsohn die Namensrechte gerichtlich eingefordert hatten.