Andere mögen Kriege führen! Du, glückliches Südtirol …

Wenn man Nicht-SüdtirolerInnen nach den zentralen Merkmalen südtirolischer Befindlichkeit fragt, kommt man auf Attribute wie lustig, unbeschwert, gesund, lederhosig, dienstfertig, originell, wildsauskifahrend, trinkfest, naturverbunden.

Das ist die Schönwetterseite der SüdtirolerInnen die beim Herannahen von Touristen hervorgekehrt wird, vor allem wenn diese den Anschein erwecken, Geld loswerden zu wollen. Der Südtiroler, die Südtirolerin: sie wissen, welches Verhalten geschäftsfördernd ist und welches nicht.


So sieht man die (Süd)Tiroler gern! Doch sie haben bei aller Trinkfestigkeit auch Verantwortungsbewusstsein. Auf dem Foto schwer erkennbar: Die Warnhinweise der italienischen Trinkervereinigung (chi beve birra, va lontano)

Und, sie haben erkannt: Die Zeit ist wohl nicht mehr danach, unter Hinweis auf volksgrüpplichen Todesmarsch, Piesackung durch römisch-unkatholische Faschisten, die hundsgemeinen Bocksprünge der Geschichte und die Durchtrennung historisch-kultureller Nabelschnüre stille aber erklecklich sprießende Einnahmen zu schaffen. Im Land des Gastarbeiterschweinsspecks und des Magdaleners ist – SMG sei Lob, Dank und Steuergeld! – verstanden worden, dass das bizarr-schrullige Anderssein der SüdtirolerInnen hüben wie drüben wie unten als Bestimmungsgrund lukrativer touristischer Nachfrage eine gute Einkommensgrundlage darstellt.

Seither herrscht in Südtirol nun ständig postkartenidyllisches emotionales Schönwetter. Die liebevolle Pflege kernalpiner Attribute sorgt für immer neue Ausprägungen südtirolerischer Wohl-Befindlichkeit, die nur durch die periodisch erscheinenden neuen Schmalztiraden der Kastelruther Spatzen übertroffen werden.

So eine Art von Schönwetter herrscht in Südtirol – neben den günstig gestimmten Erscheinungen meteorologischer Art und des überprallen Landeshaushaltes, die die Täler und Berge zwischen Brenner und Salurn, zwischen Reschen und Winnebach bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit als Musterländchen darstellbar machen. Sogar der Dalai Lama soll ja das Südtiroler Apfelvermarktungsmodell als Vorbild für Tibet anerkannt haben.

Nur eitel Schönwetter herrscht also in Südtirol. Oder muss man sagen: herrschte?

Denn in den Herzen der SüdtirolerInnen und abseits von den Erfordernissen des touristischen Geldmühlebetreibens schaut es düster aus. Hinter der Fassade des kasseklingelfreundlichen Lebensqualitätshurras lauert – tief drinnen – intensives, abgrundtiefes Leiden!

Man sieht es vielen SüdtirolerInnen regelrecht an, wenn sie außerhalb der Tourismussaison, in den berüchtigten drei Tagen zwischen dem Höhepunkt des Törggelens und dem Beginn der Weihnachts-, Neujahrs- und Dreikönigsmärkte, geduckt, gedemütigt, antriebslos und – ja!: leidend wie Hunde durch Südtirol, Thailand oder Kenia schleichen.

Es ist für viele SüdtirolerInnen eine nervenzerfetzende, in ruhigen Momenten immer wieder gnadenlos über sie hereinstürzende und sie gleich einer Lawine überschüttende Erkenntnis: Sie sind immer noch bei Italien! Beim Land der Mussolinis und Berlusconis, dem Land des scudo fiscale, der Müllmisere und der schnell emotional hoch wie gut kochenden Schwiegermütter.

Mit Geld ist diesem Leiden nicht beizukommen. Nicht einmal ein Landeshaushalt, der drei Mal höher ist als jener von Kärnten kann es lindern. Wenn es um die Heimat geht und die Zugehörigkeit zur Donau-Restrepublik (den schönsten Teil der Donau betreffend, natürlich!), da spielt Geld und Gold keine Rolle! Es ist eine Angelegenheit der Herzen, die seelisch darbende südseitige Alpenbewohner zu nachgerade nach Österreich dürstenden Volksgenossen macht.

Aber nun ist für den leidenden Teil der Südtiroler Bevölkerung Rettung in Sicht. Sie naht in Form der österreichischen Staatsbürgerschaft, mit der vorausblickende, weise Landes- und Volksführer das leidgeplagte Bergvolk, das eine grausame Geschichte an die Gestade eines unpreußisch organisierten Mittelmeerlandes geworfen hat, beglücken wollen.

Für zigtausende SüdtirolerInnen stellt die österreichische Staatsbürgerschaft plötzlich eine konkrete Option dar und das im Umgang mit Optionen erfahrene Völklein kann es gar nicht erwarten, endlich wieder optieren zu können.

Schon die Aussicht darauf, Kraus, Polgar, Altenberg, Torberg, Bernhard, Kernstock und den Mann aus Braunau nicht mehr heimlich auf ihren durch hastig hin gekritzelte Dante-Zitate entheiligten Substandardtoiletten lesen zu müssen, versetzt die Doppelstaatsbürger in spe nachgerade in Verzückung. An den verdorrten Bäuchen weiten sich verschrumpelte Näbel zu empfangsbereiten Anschlussbuchsen für die so bitter und über lange Jahre vermisste Nabelschnur, die Milch, Honig, ein unternehmerfreundliches Steuersystem inklusive Bankgeheimnis (na ja…), eine große Volkspartei sowie habs- und hofburgisch stabile Verhältnisse verspricht.

Andere mögen Kriege führen. Du glückliches Südtirol, wirf Dich weiter jedem an den Hals, von dem Du Dir einen Vorteil versprichst!

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