Unfreiwillig satirisch? | Joseph von Eichendorff: Die Tiroler Nachtwache

Der Tiroler Nachtwache (1810)

In stiller Bucht, bei finstrer Nacht,
Schläft tief die Welt im Grunde,
Die Berge rings stehn auf der Wacht,
Der Himmel macht die Runde,
Geht um und um,
Ums Land herum
Mit seinen goldnen Scharen,
Die Frommen zu bewahren.

Kommt nur heran mit eurer List,
Mit Leitern, Strick und Banden,
Der Herr doch noch viel stärker ist,
Macht euren Witz zuschanden.
Wie wart ihr klug! –
Nun schwindelt Trug
Hinab vom Felsenrande –
Wie seid ihr dumm! o Schande!

Gleichwie die Stämme in dem Wald
Wolln wir zusammenhalten,
Ein‘ feste Burg, Trutz der Gewalt,
Verbleiben treu die alten.
Steig, Sonne, schön!
Wirf von den Höhn
Nacht und die mit ihr kamen,
Hinab in Gottes Namen.

Joseph von Eichendorff

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2 responses to this post.

  1. Posted by carlo sansone on 12. Dezember 2009 at 16:53

    wieso unfreiwillig satirisch?
    ich kann da gar nix satirisches erkennen, nicht mal wenn man esmt gewalt hineiinterpretieren wollte.
    ist eine klare linie eichendorffs, der die tiroler lobt (man sollte es kaum glauben können) und ihren versuch schildert, die aggressoren, die mit den leitern etc. kamen, vom felsenrade wieder hinab in die ebenen zu werfen. also: alles glasklar, und keine satire weit und breit zu sehen.

    Antwort

    • Die Satire – geehrter Carlo brunicensis – entfaltet ihre Wirkung im Kopf des Lesers. Oft unabhängig von der Intention des Schreibers. So kann etwas durchaus Ernst gemeintes durchaus satirische Qualitäten haben, wenn sich der Kontext ändert, oder wenn man nachher weiß, was man vorher nicht wußte.

      Wie das legendäre „Das Letzte“ vom Kronbichler, das vor wenigen Tagen erschien und in dem der Flor einfach nur eine wortwörtlich übertragene Aussage des Landeshauptmanns Durnberger wiedergab. Dem guten Luisi war es dabei wirklich Ernst, als er erklärte, dass die neue Finanzregelung schlechter ist, weil sie besser ist und eine gute Lösung auch wenn’s weniger Geld gibt aber es gibt eigentlich gleichviel, wenn nicht mehr, aber es ist halt nicht mehr so, wie es einmal war…

      Hat jemand Flors Letztes mit dem Originalzitat von Durnberger? Würde es verdienen, von Adler durch Beachtung und Publikation gewürdigt zu werden.

      Herzlichst
      Anton Adler

      Antwort

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